Die Geschichte des Bieres

 
Genau weiß man nicht, wann und wie das erste Bier entstand.
Wahrscheinlich ist es zufällig "entdeckt" worden. Vielleicht war einem Bauern die geerntete Gerste vom Regen durchnässt wurden und er hatte sie ein paar Tage zum Trocknen in der Sonne gelassen.
Resultat: Die jetzt süße gemälzte Gerste wurde unter erneutem Wasserzusatz zu Brot weiterverarbeitet. Währen sich Zucker und Stärke im Brotteig lösten, gelangten "wilde" Hefepilze aus der Luft in diese Mischung, und der Gärprozess begann. Der Bauer, der schon glaubte, seine Ernte verloren zu haben, erkannte bald die Vorzüge des schmackhaften und gesunden Malzgetränkes. Das erste Bier war geboren.

Auch wenn der erste Brauakt kein Zufallstreffer war, sicher ist, dass Bier zu ältesten alkoholischen Getränken zählt. Alte Schriftzeichen, Bildsymbole und andere Dokumente bezeugen, dass Herstellung und Genuss von seit 6000 bis 9000 Jahren bekannt sind. Gerste und andere für die Bierherstellung bedeutsame Getreidearten waren in den frühen Kulturen des Mittelmeerraumes - wie auch anderswo - wichtige Grundnahrungsmittel. Fast alle Völker der Frühzeit entwickelten ein Getränk, das unserem heutigen Bier ähnlich war - ob auf der Basis von Gerste oder Weizen im Nahen Osten, Mais in Amerika, Reis in Asien oder Hirse in Afrika. Sumerer und Ägypter zählten zu den fähigsten der antiken Braumeister. Eine sumerische Tontafel, datiert auf 6000 v. Chr., zeigt das erste schriftlich niedergelegte Bierrezept. Andere Zeugnisse lassen vermuten, dass die Sumerer bereits mehr als ein Dutzend verschiedene Biersorten entwickelt hatten. Sie wurden auf der Grundlage eines noch halb rohen, mit Wasser vermischten Brotteiges hergestellt. Diese frühen Biere waren mit Kümmel, Ingwer, Muskat, Honig, Wacholder, Früchten oder sogar Blumen gewürzt. Die Ägypter verwendeten als erste aus Dattelfrüchte gewonnenen Zucker für ihre Brauzwecke. Zucker besitzt unter anderem konservierende Wirkung und erhöht damit die Haltbarkeit des Bieres. Als Folge dieser Entdeckung entstanden erste kommerzielle Brauereien, da es nun möglich wurde vorab größere mengen für den Verkauf zu produzieren.
Bier übernahm in vielen alten Kulturen auch im religiösen Bereich eine wichtige Rolle. Priester und Priesterinnen versahen das Brauhandwerk und Bier wurde in Altägypten den Toten auf ihrem Weg in Totenreich mitgegeben. Alle Klassen der Gesellschaft tranken Bier, je nach sozialer Schichtzugehörigkeit jedoch Biere unterschiedlicher Qualität. Der Konsum von Bier gehörte so sehr zum Alltag, dass selbst Dienstleistungen mit Bier entlohnt wurden. Die erste Biersteuer führten die Sumerer ein.
In der späteren Antike verlor das Bier an Bedeutung, Wein rückte an seine Stelle. Der Grund dafür war, dass im Mittelmeerklima Wein besser gedeiht als Gerste und Wein sich einfacher als Bier herstellen lässt. Trotz allem entwickelte sich das Bierbrauen weiter, es verlagerte sich allerdings in den Norden Europas. Im Mittelalter war das Brauhandwerk die Domäne der Klöster. Mönche führten als erste die Lagerung des Bieres in kühlen Räumen ein, zum Beispiel in Berghöhlen. Damit wurde neben einer längeren Haltbarkeit auch eine Qualitätsverbesserung der Biere erzielt, die nun länger reifen konnten. Bier war für die oft kärglich verpflegten Mönche ein wichtiges und gesundes Nahrungsmittel - es war auch während der Fastenzeit zulässig und meist gesundheitlich unbedenklicher als das häufig verschmutzte Wasser. Verdünntes "Tafelbier" wurde jeden Tag konsumiert, selbst in größeren Gesellschaften. Später verbreitete sich das Brauen auch außerhalb der Klostermauern und wurde zu einer Aufgabe der Hausfrauen bei ihrer täglichen Küchenarbeit.
Hopfen wurde für das Brauen wahrscheinlich erstmals im 8. oder 9. Jahrhundert eingesetzt - die erste überlieferte Erwähnung stammt jedoch aus dem 12. Jahrhundert, verfasst von der Benediktiner-Nonne Hildegard von Bingen. Trotz anfänglicher Akzeptanzprobleme ersetzt Hopfen bald die verschiedenen Gewürze, Kräuter, Honig, Melasse, Blumen, Früchte, Beeren, Wurzeln und Gemüsesorten.
Ein anderes wichtiges Datum der Braugeschichte wurde die Festschreibung des bayrischen "Reinheitsgebotes" von 1516; es ließ als Bierrohstoffe nur Wasser, gemälzten Gerste oder gemälzten Weizen, Hopfen und Hefe zu - letztere fand allerdings erst später Aufnahme. Obwohl das Gesetz in Deutschland kürzlich außer Kraft gesetzt wurde, befolgen viele Brauer in Deutschland und anderen Ländern freiwillig das alte Reinheitsgebot nach wie vor.
Die Art und Weise, Bier herzustellen, veränderte sich dann bis weit ins späte 18. bzw. frühe 19. Jahrhundert nur wenig. Doch mit der Erfindung der Dampfmaschine, durch verbesserte Transportsysteme, Kühlanlagen und andere Errungenschaften der Industriellen Revolution verschoben sich die bis dahin mehr häuslichen Brauaktivitäten hin zur industriellen Herstellung durch große Wirtschaftsunternehmen. Die Arbeit Louis Pasteuers vertiefte die Kenntnisse der Rolle der Hefe beim Brauprozess und die Brauer hatten bald spezielle Hefezüchtungen isoliert. Der stabilere und kalt gereifte Hefebiertyp (untergäriges Bier) gewann in Deutschlang und Mitteleuropa an Popularität. Die Markteinführung des klaren goldfarbenen Untergärigen aus der böhmischen Stadt Pilsen in den Jahren um 1840 revolutionierte das Biertrinken. Verbesserungen in der Technologie der Glasherstellung ermöglichten es außerdem, Keramikkrüge durch solche aus Glas bzw. durch Flaschen zu ersetzen, was dies klaren, hellen Biere noch besser zur Geltung brachte und ihrer Verbreitung zugute kam.
Bierproduktion und -konsum wuchsen bis zum Ende des 19. Jahrhundert enorm. Dann aber machten die Anfänge der "Temperenzbewegung" und der Erste Weltkrieg der Brauindustrie erheblich zu schaffen. Selbst nachdem Alkoholbeschränkungen wieder außer Kraft gesetzt waren, gelang es vielen Brauereien durch die Weltwirtschaftskrise und den nachfolgenden Zweiten Weltkrieg nicht, wieder Fuß zu fassen.
In der Nachkriegszeit erlebt die Bierindustrie eine Phase der Konsolidierung. Viele der kleineren Brauereien wurden von größeren übernommen oder waren gezwungen, zu schließen - mit Resultat, dass Ende 1960 eine Handvoll internationaler Großunternehmen die Bierproduktion weltweit kontrollierte. Angeführt von amerikanischen Großkonzernen, konzentrierte sich die Brauindustrie auf die Produktion von kostengünstigen, leichten und hellen untergärigen Lagerbieren, mit dem Geschmack der den Marktbedürfnissen im weitesten Sinne entsprach. Viele Klassiker verschwanden. Eine Rückbesinnung begann erst in den frühen Siebziger Jahren und wurde von der englischen Kampagne für echtes Ale (CAMRA) eingeleitet. Seither konnte man zahlreiche Neugründungen kleiner Brauereien erleben, die zum Brauen der geschmackvolleren Traditionsbiere zurückkehrten. Obwohl die Großkonzerne immer noch dominieren, entstehen unvermindert neue Klein- und Gasthausbrauereien, und Hobbybrauen ist fast wieder eine volkstümliche Beschäftigung geworden. Wir erleben heute eine Bierrevolution, die uns eine breite Palette handwerklich hergestellter Spitzenbiere beschert.